Disobedience!

 

Eindrücke vom Kongress für zivilen Ungehorsam

 

„Don‘t Get Caught in a Bad Hotel!“ – mit diesem Aufruf auf den Lippen tanzen und singen elegant gekleidete Menschen in der Empfangshalle eines Hotels ihr Lied zu den Klängen eines Orchesters. Bei einer künstlerischen Intervention wollen LGBTIQ-AktivistInnen auf unterhaltsame Weise bei den BesucherInnen des Hotels ein Bewusstsein dafür schärfen, dass die Angestellten mehr Lohn und leistbare Gesundheitsversorgung fordern. Viele Menschen strömen gerade zur Pride Parade nach San Francisco und die AktivistInnen rufen zum Boykott des Hotels auf, da die Rechte der MitarbeiterInnen hier nicht respektiert werden.

 

Kreative und bunte Aktionen wie diese wurden vom 6. bis 8.Oktober auf dem Kongress für zivilen Ungehorsam unter der Devise “Disobedience!” bei einer Video-Session gezeigt. Vielleicht wird die eine oder der andere von den BesucherInnen zu einer ähnlich spektakulären Aktion in der Zukunft inspiriert. Der Raum im Forum Stadtpark in Graz bot drei Tage lang reichlich Gelegenheit zur Weiterbildung, Diskussion, Austausch und Vernetzung auf dem Feld des zivilen Ungehorsams. Organisiert wurde die Veranstaltung von System Change Not Climate Change, einem Zusammenschluss von Menschen, die für die katastrophalen Folgen des Klimawandels sensibilisieren und durch Aktivitäten in der Öffentlichkeit einen Wandel zu einer ökologischen Politik erreichen wollen.

 

Im Gespräch mit Unsere Zeitung erklärt Peter*, einer der AktivistInnen, die den Kongress vorbereitet haben, dass die Idee dahinter gewesen ist, einen offenen Raum zu schaffen, wo interessierte Menschen gemeinsam reflektieren und mit vielfältigen Ansätzen miteinander in eine Diskussion treten können. Neben Inputs durch Vorträge und Diskussionen gibt es auch die Möglichkeit bei Workshops Erfahrungen aus konkreten Aktionen auszutauschen. Das gemeinsame Schauen von Filmen, bei denen Aktionen des zivilen Ungehorsams dokumentiert sind, soll zum Tätigwerden inspirieren. Unter den RednerInnen auf dem Podium finden sich Menschen mit unterschiedlichen theoretischen und praktischen Zugängen wie antirassistische AktivistInnen gegen Abschiebungen, UmweltverteidigerInnen gegen den Kohlebergbau und auch ForscherInnen, die ihre Erkenntnisse über die historische Dynamik von Bewegungen des zivilen Ungehorsams mit den Anwesenden teilen.

 

Rebellisch ausgelebte Demokratie

 

Es gibt genug Ja-Sager auf der Welt, es braucht unser Nein, bringt Emily Laquer von der Interventionistischen Linken ihre Botschaft bei der Podiumsdiskussion am Freitag auf den Punkt. Ziviler Ungehorsam als gemeinsames und offensives Überschreiten von Regeln kann je nach gesellschaftlichem Kontext verschiedene Gesichter annehmen. Wenn wie gerade erst im Fall von Katalonien die Abhaltung einer Abstimmung über die Unabhängigkeit für illegal erklärt wird, dann wird das trotzige Abgeben der eigenen Stimme zum legitimen Akt des Widerstandes. Wenn wie in Hamburg beim G20-Gipfel im vergangenen Sommer das Demonstrieren von der Polizei für illegal erklärt wird, dann ist es legitim, sich dem Verbot zu widersetzen und das eigene demokratische Recht auf der Straße zu verteidigen. Es geht also nach den Worten von Laquer darum, Demokratie rebellisch auszuleben, damit sie nicht verschwindet. Und ziviler Ungehorsam bietet dafür ein breites Spektrum an Handlungsmöglichkeiten. Trotz der Gefahr von brutaler Repression und Gewaltanwendung durch den Staat wie sie den Menschen in Katalonien und Hamburg massiv widerfahren ist, ist es wichtig, beim gemeinsamen Widerstand weniger Angst zu haben und sich mehr zu trauen – und vor allem aufeinander aufzupassen, so Laquer.

 

Ziviler Ungehorsam kann verschieden begründet werden. Während manche darin ein Mittel sehen, um Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft zu korrigieren, wird von anderen das System als Ganzes hinterfragt und werden etwa die Strukturen des Kapitalismus kritisch zur Debatte gestellt. Für Laquer lassen sich beide Zugänge miteinander verbinden. Die Erfahrung zeigt, dass AktivistInnen von bürgerlichen Medien oft als Radikale stigmatisiert und Aktionen und Ziele verzerrt dargestellt werden. Doch für Laquer ist das kein Grund, sich davon zu distanzieren, denn für viele geht es ja tatsächlich um eine fundamentale Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen und sie wünschen sich einen Wandel. Daher ist es sinnvoll, dies auch so zu benennen und danach zu handeln – denn es geht schließlich um Systemkritik.

 

Praktiken des Ungehorsams und öffentliche Meinung

„The only tired I was, was tired of giving in.“ (Rosa Parks)

 

Mitorganisator Peter wünscht sich, dass die Öffentlichkeit sich mehr für die Legitimität von Aktionen des zivilen Ungehorsams öffnet. Denn die Folgen, die uns bei fortgesetzter Untätigkeit etwa im Zusammenhang mit dem Klimawandel drohen, sind schlimm genug. Angesichts von steigendem Meeresspiegel und unterschiedlichen Phänomenen von extremen Wetterereignissen wie anhaltende Dürren und Wüstenbildung, besteht berechtigte Sorge, dass unser Planet eines Tages für nachfolgende Generationen größtenteils unbewohnbar sein könnte. Vor dieser Gefahr wird auch in der Wissenschaft eindringlich gewarnt. Bereits heute werden Millionen von Menschen durch die gehäuft auftretenden ökologischen Katastrophen aus ihrem Lebensumfeld gerissen und zur Flucht gezwungen. Für Peter ist es also ohne Zweifel angemessen, nicht nur mit Petitionen an die Politik zu appellieren, sondern einen Schritt weiter zu gehen und den eigenen Körper bei ungehorsamen Aktionen einzusetzen. Daher will man sich beim Kongress in Graz nicht nur auf die Ebene von Worten und Gedankenaustausch beschränken sondern es soll auch gleich zum aktiven Handeln angeregt werden, zB indem die TeilnehmerInnen im Rahmen eines Aktionstrainings verschiedene Praktiken des zivilen Ungehorsams ausprobieren.

 

Für die antirassistische Aktivistin Fanny Müller-Uri umfasst ziviler Ungehorsam vielfältige Aktionsformen, wie sie bei der Podiumsdiskussion erklärt – vom Aufbegehren gegen die Arbeit am Fließband über Blockaden von Abschiebungen und Widerstand gegen Naziaufmärsche bis zu massenhaften Aktionen wie bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm im Jahr 2008. Es hängt von den Erfordernissen der konkreten Situation ab, welche Mittel angemessen erscheinen. Dabei geht es um die Sache – ziviler Ungehorsam soll kein Selbstzweck sein. Für Kontinuität von Aktionen braucht es organisatorische Strukturen. Müller-Uri hebt die Bedeutung der öffentlichen Meinung hervor, denn Aktionen sind umso wirksamer je mehr sie in die gesellschaftliche Breite gehen. Es stellt sich also die Frage, wie der Sex-Appeal und die Legitimität von Aktionen des zivilen Ungehorsams gesteigert werden können.

 

Dabei gibt Laquer zu bedenken, dass Menschen bei Protesten es nur teilweise selbst in der Hand haben, wie später über die Ereignisse gesprochen wird. Denn bürgerliche Medien pflegen bei der Berichterstattung über Proteste gerne einen Umgang, bei dem Diskreditierung und Angstmache eine Rolle spielen und bestimmte Stimmungen geschürt werden. So erzählt Laquer, dass bei Ende Gelände zuerst ein großes Medieninteresse vorhanden war – doch als sich die Erwartungen nach Auflagensteigerung durch abenteuerliche Szenen und Randale nicht erfüllten, reisten die Medien bereits nach einem Tag wieder ab.

 

Ungehorsame Geschichte

 

„Historically, the most terrible things – war, genocide and slavery – have resulted not from disobedience, but from obedience.“ (Howard Zinn on war, 2011)

 

In historischer Hinsicht ist ziviler Ungehorsam besonders mit der US-amerikanischen Civil Rights Bewegung verknüpft. Bei Martin Luther King Junior erweiterte sich der Kampf gegen den Rassismus um das Engagement für soziale Rechte. Der Theologe Kurt Remele teilt bei der Podiumsdiskussion sein Wissen, das er bei der Forschung über den zivilen Ungehorsam in der katholischen Linken in den USA gesammelt hat. In seiner im Gefängnis verfassten und 1849 veröffentlichten Schrift gegen die Sklaverei warf Henry David Thoreau den Begriff des zivilen Ungehorsams zum ersten Mal auf. Thoreau verstand darunter noch eine individuelle Handlungsweise. Martin Luther King Junior, der Thoreaus Schrift gelesen hatte, sah eine Verantwortlichkeit der BürgerInnen darin, ungerechte Gesetze zu übertreten. Später wandelte sich schließlich im Zuge des Civil Rights Movement der Begriff bei Rosa Parks und ihrer trotzigen Weigerung, im Bus aufzustehen und für weisse Fahrgäste den Platz frei zu machen, zum massenhaften zivilen Ungehorsam. Die Thematisierung der Anwendung bestimmter, umstrittener Methoden zog sich durch die Debatten der katholischen Linken in den USA während der Bewegung gegen den Krieg in Vietnam. So waren nicht alle mit dem konfrontativen Charakter bei manchen Aktionen einverstanden und befürchteten einen Abschreckungseffekt – etwa wenn DemonstrantInnen in Ämter eindrangen und die Einberufungsakten zur Armee mitnahmen und dann öffentlich verbrannten. Für andere wiederum war gerade dieser Aspekt der Konfrontation erst recht der Anlass um selbst aktiv zu werden. Remele findet es jedenfalls wichtig, eine Konfrontation in Sachfragen zu suchen und nicht den politisch Andersgesinnten niederzumachen.

 

Der Historiker Leo Kühberger weist bei seinem Vortrag darauf hin, dass der kollektive und politische Charakter des zivilen Ungehorsams mitunter unterschlagen wird. Bei der kollektiven Verweigerungsaktion des Montgomery Bus Boycott von 1955 ging es nicht allein um eine symbolische Aktion in der Öffentlichkeit sondern auch ganz konkret darum, gemeinsam das Busunternehmen ökonomisch in die Knie zu zwingen. Und im Fall von Rosa Parks existierte eine öffentliche Wahrnehmung, dass ihre Weigerung, im Bus für weisse Fahrgäste Platz zu machen, damit zusammenhänge, dass sie nach einem harten Arbeitstag aus Müdigkeit nicht aufstehen wollte. Doch dabei fehlt der wesentliche Hinweis, dass Rosa Parks schon lange vorher als politische Aktivistin tätig und ihre Weigerung eine bewusste Entscheidung war. Zudem war Parks auch nicht die erste Person, die sich weigerte, sich von ihrem Platz zu erheben, denn das hatten andere vor ihr auch schon getan – aber sie hat mit ihrer Unmutshandlung eine Bewegung angestoßen.

 

Kollektive Verweigerung und sozialer Wandel

 

Kühberger macht deutlich, dass sich also in einem bestimmten Moment ein Akt des zivilen Ungehorsams verbreitern kann. Wann eine Handlung in kollektiven Protest umschlägt, lässt sich nicht vorausplanen – aber es macht Sinn, gemeinsam darüber zu reflektieren, warum dies in einer bestimmten Situation gelingt. Heute beteiligen sich mehr Menschen an massenhaftem zivilem Ungehorsam, zb bei Blockaden von Naziaufmärschen, weil die bürgerliche Gesellschaft sich in eine autoritäre Richtung entwickelt. Für Kühberger ist der partizipative Anspruch von zivilem Ungehorsam wichtig und er regt dazu an, sich zu überlegen, wie Aktionen zu gestalten sind, damit auch weniger politisierte Personen daran teilnehmen können. Um die Angst zu überwinden braucht es auf jeden Fall Kollektivität, so Kühberger.

 

Müller-Uri stellt fest, dass Praktiken des zivilen Ungehorsams nicht allein auf die politische Linke beschränkt bleiben. Das zeigt sich am Beispiel von kollektiven Aktionen ganzer Gemeinden wie im vorarlbergischen Alberschwende, wo breite Kreise der Bevölkerung sich gegen die drohende Abschiebung von Geflüchteten gewehrt und Menschen vor der Polizei versteckt haben. Vor den 1990er Jahren und dem Geplapper vom „Ende der Geschichte“ gab es noch eine Perspektive, mit der Menschen dazu bewegt wurden, auf die Straße zu gehen und für gesellschaftlichen Wandel zu kämpfen. Diese Perspektive, die Welt verändern zu können, scheint verloren gegangen zu sein, befürchtet Laquer. Von der Linken erhofft sie sich daher, dass das Versprechen nach Veränderung nicht den Rechten überlassen wird, sondern dass wieder stärker eine Perspektive für die Menschen eröffnet wird – denn Proteste haben eine Wirkung. Und so schickt Laquer ihre Botschaft vor den versammelten ZuhörerInnen in die Welt: „Worauf ihr gewartet habt, seid ihr – ihr seid die Veränderung.“

 

* Name vom Redakteur geändert

 

veröffentlicht am 24.11.2017 auf Unsere Zeitung

Gestrandet in Kabul

 

Bericht über die erste gemeinsame Charterabschiebung von 29 Menschen aus Österreich und Schweden nach Afghanistan am 28.03.2017.

 

Am Dienstag, den 28.03.2017 fand in der Nacht die erste gemeinsame Charterabschiebung von 29 Menschen aus Österreich und Schweden nach Afghanistan im Rahmen von „Joint Way Forward“ statt.

 

Afghanistan gilt in Europa inzwischen als „sicheres Herkunftsland“. Eine Sichtweise, die scheinbar nun auch von der österreichischen Regierung und den Behörden geteilt wird. Bislang wurden Asylwerber*innen aus Afghanistan in diesem Land geduldet, auch wenn nicht in allen Fällen Asyl gewährt wurde. Diese Praxis scheint sich nun zu verändern, denn in der Nacht von Dienstag, den 28.03.2017 auf Mittwoch gab es erstmals einen Charterflug nach Afghanistan, mit dem Menschen mit negativem Asylbescheid abgeschoben wurden. Bereits in den letzten Wochen wurden Menschen aus Afghanistan mit Linienflügen wie etwa Turkish Airlines abgeschoben. Der Fall des 23-jährigen Eshan Batoori zeigt jedoch, dass nachdrückliches Engagement von Unterstützer*innen wirksam gegen diese Praxis ist, denn seine geplante Abschiebung konnte vorläufig abgewendet werden.

 

Drohende Abschiebung trotz Verfolgung

 

Eshan Batoori hat nach den sechs Jahren seines Aufenthaltes in Österreich bereits seinen Platz gefunden. Denn er gibt mittlerweile selbst anderen Menschen Unterricht in deutscher Sprache, wie Rick R., Aktivist und Rechtsberater bei Asyl in Not, im Interview hervorhebt. Doch der junge Mann aus Afghanistan fühlt sich miserabel. Nicht nur wird seine Befindlichkeit dadurch in Mitleidenschaft gezogen, dass Eshan Batoori Familienangehörige und Freund*innen in einem Land verliert, wo Tag für Tag Krieg herrscht und Anschläge verübt werden. Er ist auch der Gefahr einer Abschiebung in dieses Land ausgesetzt, wo er als Hazari zu einer Gruppe von Menschen gehört, die in Afghanistan verfolgt werden. Hier wird es ihm schwer gemacht, sich in Österreich ein Leben in Frieden und in Freiheit aufzubauen. Eshan Batooris Asylverfahren wurde vor drei Jahren zunächst negativ abgeschlossen. Es wurde ihm aber Schutz geboten, indem die Behörden seinen Aufenthalt in Österreich duldeten. Vergangenen Sonntag wurde Eshan Batoori nun von der Polizei verhaftet und in Schubhaft genommen. Rechtliche Grundlage für diese Verfahrensweise ist ein negativer Asylbescheid aus dem Jahr 2012, der jedoch vom Gericht 2015 aufgehoben und zurück auf den Instanzenweg geschickt wurde. Vergeblich hat Eshan Batoori in den letzten Monaten darauf gewartet, einen frischen Bescheid zu erhalten. Nun befand er sich nach seiner Verhaftung in Schubhaft bei der Roßauer Lände in Wien, obwohl er also noch ein Verfahren um einen Aufenthaltstitel laufen hat. Inzwischen ist Eshan Batoori wieder frei, nachdem sein Fall in den Medien für Wirbel gesorgt hat und sich viele Menschen für seine Freilassung engagiert haben. So fand noch am Abend des 28.3.2017 eine Kundgebung von solidarischen Menschen vor dem Abschiebegefängnis bei der Roßauer Lände statt.

 

Erster Charterflug nach Afghanistan im Rahmen von „Joint Way Forward“

 

Doch auch wenn Eshan Batoori durch Interventionen auf verschiedenen Ebenen für den Moment davor bewahrt wird, abgeschoben zu werden, sind viele andere Menschen nicht davor geschützt, durch eine Abschiebung an ihre Peiniger ausgeliefert zu werden. Rick R. von Asyl in Not befürchtet im Gespräch, dass eine große Anzahl von Personen in der Nacht auf Mittwoch mit dem Charterflug nach Kabul in Afghanistan gebracht werden. Mittlerweile wurde offiziell bestätigt, dass dieser Charterflug stattgefunden hat. Die wenigsten Namen sind den Rechtsberater*innen bekannt. Manche der Betroffenen befanden sich in Schubhaft, andere wurden gar nicht erst dorthin gebracht, sondern sie hielten sich bereits in Polizeigewahrsam auf. Dort können Menschen bis zu 72 Stunden festgehalten werden, was darauf hindeutet, dass die Gefahr ihrer Abschiebung unmittelbar bevorsteht.

 

Ein Sprecher des Innenministeriums weist darauf hin, dass der Schwerpunkt des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl (BFA) auf der sogenannten „freiwilligen Rückkehr“ liege. 597 Menschen aus Afghanistan haben Österreich nach Information des Innenministeriums 2016 „freiwillig“ verlassen. Dies macht nahezu die Hälfte der insgesamt 1.094 im Jahr 2016 aus Österreich nach Afghanistan gebrachten Personen aus. Gleichzeitig erhielten 2016 nur 30% der afghanischen Asylwerber*innen in Österreich eine positive Entscheidung im Rahmen von Asyl, subsidiärem Schutz oder humanitärem Aufenthalt. Das BFA rühmt sich auf seiner Website damit, dass im Jahr 2016 insgesamt um 30% mehr Menschen außer Landes gebracht wurden als im Vorjahr.

 

Nun wurden laut Auskunft des Sprechers des Innenministeriums beim ersten gemeinsamen Frontex Charterflug nach Afghanistan am 29.März 19 afghanische Staatsbürger*innen aus Österreich und zehn Personen aus Schweden an die Behörden in Kabul überstellt. Für das BFA handelte es sich um den ersten gemeinsamen koordinierten Flug nach Afghanistan seit der Unterzeichnung der Vereinbarung zwischen der EU und Afghanistan („Joint Way Forward“) im Oktober 2016. Und erst zwei Tage vor der Charterabschiebung, am 27.3.2017, fand in Brüssel das zweite Umsetzungstreffen der EU mit Afghanistan statt. Dabei einigte man sich laut Information des Innenministeriums auf ein Bekenntnis zur weiteren Umsetzung und einer intensivierten Kooperation bei laufenden Aktivitäten im Bereich von Abschiebungen. Laut Sprecher des Innenministeriums stehe dabei die Rückkehr von Menschen ohne Aufenthaltsrecht in der EU im Vordergrund, wobei das BFA seinen Fokus demzufolge auf die sogenannte „freiwillige Rückkehr“ lege. Als Schwerpunkte von „Joint Way Forward“ nennt der Sprecher die „Unterstützung bei der Reintegration“ wie finanzielle Hilfen sowie Aufklärungskampagnen. Die österreichische Regierung führt auf der Grundlage des Abkommens Einzelabschiebungen durch. Laut Website des BFA wurde 2016 insgesamt jeden fünften Tag eine Charterabschiebung durchgeführt. Auch in Zukunft wird es gemeinsame Charterabschiebungen auf der Basis von „Joint Way Forward“ nach Afghanistan geben, an denen sich Österreich beteiligt, kündigt der Sprecher des Innenministeriums an.

 

Im Oktober vergangenen Jahres haben sich in Brüssel verschiedene europäische Repräsentant*innen mit dem Präsidenten und mit Regierungsabgesandten der afghanischen Regierung getroffen. In diesem Rahmen drohte man, dem afghanischen Staat Subventionen zu entziehen, während auf der anderen Seite eine Erhöhung anderer Zahlungen versprochen wurde. Als Teil einer Übereinkunft unterzeichnete die afghanische Regierung daraufhin ein Abkommen für die Rücknahme von mindestens 80.000 Personen, die vor der Gewalt in Afghanistan nach Europa geflüchtet waren. Dies obwohl die Lage in Afghanistan bereits jetzt durch die Abschiebungen aus Pakistan und Iran und die 1,5 Millionen Binnengeflüchteten prekär ist. Seit dem Abkommen sind einige Monate vergangen. Doch nun scheint es mit den Abschiebungen ernst zu werden, befürchtet Rick R.

 

Geflüchtete stranden im „sicheren Herkunftsland“

 

Diese gravierende Situation wäre vermeidbar, so Rick R. Denn in Schubhaft und Polizeigewahrsam geraten Menschen, die einen negativen Asylbescheid erhalten und keine Beschwerde einlegen. Oft ist dies eine Folge schlechter Beratung durch den Verein Menschenrechte Österreich (VMÖ), der dem Innenministerium unterstellt ist. So weist Rick R. darauf hin, dass der VMÖ auf zwei Seiten niederschreibt, wofür eine vertrauenswürdige Beratungsorganisation wie Asyl in Not ganze 20 Seiten benötigt. Dazu kommen abgelaufene Fristen und „Überredungskünste“ durch den VMÖ. In der Folge erhalten Asylwerber*innen, die vom VMÖ vertreten werden, auch häufiger einen negativen Bescheid, so Rick R. Für gewöhnlich stehen die Chancen nicht schlecht, in höherer Instanz vor einem Gericht recht zu bekommen, wenn stichhaltig argumentiert wird. Vom VMÖ vertretene Asylwerber*innen werden jedoch sogar vor Gericht häufig abgewiesen. Andere wiederum erhalten gar nicht erst die Chance einer Beratung, da sie in Räumlichkeiten wie dem Henry Dunant Zentrum beim Flughafen Wien-Schwechat ausharren müssen.

 

Einmal nach Afghanistan abgeschoben, eröffnen sich den Menschen nicht viele Möglichkeiten. Von einem aus Österreich abgeschobenen Jugendlichen in Kabul, mit dem Asyl in Not in Kontakt steht, weiss Rick R., dass die Notunterkünfte für zurückgewiesene Menschen stark überbelegt sind. Denn auch die Regierungen von Pakistan und Iran schieben zahlreiche Personen nach Afghanistan ab. In diesen Lagern werden Menschen von den Taliban angeworben. Perspektiven gibt es für diese Menschen in Kabul und erst recht im unsicheren Umland keine, denn Arbeit ist nicht vorhanden. Die Taliban und Ableger von Daesh verüben immer wieder Anschläge auf die Bevölkerung. Zwar kann dieses Elend gelindert werden, wenn Geld aus Europa an die abgeschobenen Geflüchteten überwiesen wird. Jedoch stellt Rick R. fest, dass Überweisungen etwa mit Western Union riskant sein können, wenn die Taliban davon erfahren. Im „besten“ Fall wird dann den Menschen nur das Geld abgenommen.

 

Stop Deportation

 

Denjenigen Menschen, die mit der Abschiebepraxis nicht einverstanden sind, bleiben die gewohnten Pfade, so Rick R. Solidarische Beziehungen zu den Geflüchteten, Unterstützung auf juristischer Ebene, Versorgung mit Adressen wie die Caritas und Asyl in Not, an die sich Geflüchtete wenden können und Unterstützung bei rassistischer Belästigung und Gewalt. Sollte die österreichische Politik und Verwaltung diesen destruktiven Weg fortsetzen, so bleibt der Zivilgesellschaft politischer Aktivismus auf Demonstrationen und Druckausübung durch Medien. Es geht darum, den Verantwortlichen klar zu machen, dass diese menschenunwürdige staatliche Praxis nicht toleriert und vor allem nicht vergessen wird, betont Rick R. Sollten alle Stricke reissen und Menschen werden nach Afghanistan abgeschoben, so können Geldüberweisungen – trotz aller Risiken – hilfreich sein, damit die Betroffenen wenigstens in eines der Nachbarländer ausweichen können, um der schlimmsten Gewalt zu entfliehen. Um sich einer drohenden Abschiebung zu entziehen, gibt es Wege und Mittel, die schon von vielen in dieser äußersten Notlage angewendet wurden, wobei darüber jeder Mensch selbst entscheiden muss. Nicht zuletzt können sich auch Zeug*innen einer Abschiebung in Linienflügen solidarisch zeigen, indem sie sich von ihren Sitzen erheben und sich weigern mitzufliegen. So hofft Rick R. schließlich auf eine zahlreiche Beteiligung bei der Demonstration beim Polizeianhaltezentrum Roßauer Lände, der sich etliche Menschen am 28.3.2017 angeschlossen haben.

 

veröffentlicht am 02.04.2017 auf no-racism.net

Mit Frauensolidarität und rosa Pussyhats für die sexismusfreie Gesellschaft

 

Über den #SchweizerAufschrei

 

Eine Vergewaltigung, die nicht so genannt werden darf

 

Nach einer politischen Feier zu Weihnachten 2014 erwacht Jolanda Spiess-Hegglin am darauf folgenden Morgen mit Schmerzen im Unterleib. Sie hat keine Erinnerung mehr daran, was an diesem Abend passiert ist. Es sollte sich herausstellen, dass ihr K.O.-Tropfen verabreicht wurden. DNA-Spuren von zwei Männern werden sicher gestellt, einer von ihnen ist Politiker bei der rechtsextremen Schweizer Volkspartei (SVP). Alles deutet darauf hin, dass Jolanda Spiess-Hegglin vergewaltigt wurde. Doch die Untersuchungen verlaufen schließlich derart schlampig, dass die Politikerin und Mutter von drei kleinen Kindern das Unrecht, welches ihr angetan wurde, nicht beweisen kann. Deshalb darf Jolanda Spiess-Hegglin ihre leidvollen Erfahrungen nicht beim Namen nennen und nicht in der Öffentlichkeit darüber sprechen, denn der SVP-Mann würde sie umgehend anzeigen. Sie darf den Vorfall nicht Vergewaltigung nennen, sondern eben nur „Vorfall“.

 

Für Jolanda Spiess-Hegglin hat es in dieser Situation eine heilsame Wirkung, dass sie sich mit anderen Frauen austauschen kann, wie sie im Gespräch mit dem Redakteur feststellt. Sie wendet sich dem Feminismus zu, denn dieser gibt ihr Kraft und Mut, als sie nach dem „Vorfall“ ihre innere Sicherheit verliert und sich allein fühlt. Nach der Gewalterfahrung macht sie sich selbst Vorwürfe und fragt sich, ob sie vielleicht an diesem Abend weniger Alkohol trinken hätte sollen (obwohl sie gemäss einem neuen Rechtsmedizinischen Gutachten nach der Feier sogar noch hätte Autofahren dürfen). Durch die Auseinandersetzung mit feministischen Ideen ist Jolanda Spiess-Hegglin aber bewusst geworden, dass es keine Entschuldigung für sexualisierte Gewalt geben kann und dass Frauen niemals „selbst schuld“ sind, wenn sie vergewaltigt werden: „Heute weiss ich, dass selbst wenn ich nackt durch die Strassen laufen würde, mich niemand anzufassen hat. Dieses Bewusstsein kam mit dem Feminismus. Aber eigentlich muss man doch sagen, dass dies jedem Mitglied unserer Gesellschaft klar sein sollte“, so Jolanda Spiess-Hegglin im Interview.

 

Nachdem sie sich zunächst durch das Lesen von Büchern über Feminismus informiert, stellt sie fest, dass eine Debatte unter Frauen, denen ähnliches Leid zugefügt wurde, heilsam ist. Indem sie Kontakt zu anderen Feministinnen pflegt, kehrt Jolanda Spiess-Hegglins Kraft zurück und sie kann ihre eigene Geschichte besser verarbeiten, indem sie sich feministischen Ideen widmet. Heute legt sie auch als Politikerin der Piratenpartei ihren Fokus auf Feminismus und unterstützt andere Opfer von sexualisierter Gewalt: „Ich mache nun feministische Netzpolitik. Gebe aber meine Kraft auch gern im realen Leben weiter. Vor ein paar Tagen habe ich beispielsweise eine Frau am Tag des Gerichtsprozesses ihres Vergewaltigers begleitet. Das sind Momente, in welchen alles andere unwichtig wird.“

 

#SchweizerAufschrei

 

Nun geht ein Aufschrei im Land um. Es ist der #SchweizerAufschrei. Frauen, Feministinnen und auch einige Männer erheben lautstark ihre Stimme, sprechen über Sexismus und teilen ihre alltäglichen Erfahrungen mit anderen. Unter dem Hashtag #SchweizerAufschrei erzählen seit vergangenem Herbst – ähnlich wie beim #Aufschrei in Deutschland – zahlreiche Menschen im Internet ihre Geschichten. Dem #SchweizerAufschrei ging u.a. die Wahl des neuen US-Präsidenten voran, der berüchtigt dafür ist, Frauen zu belästigen und gegen ihren Willen zwischen ihre Beine zu fassen und auch noch damit zu prahlen. Außerdem erregte eine Aussage in der Schweiz viel Aufsehen, bei der die SVP-Politikerin und ehemalige Polizistin Andrea Geissbühler in gewissen Fällen von Vergewaltigung den Frauen eine Mitverantwortung zuschiebt. Diese Fälle sind symptomatisch für Rape Culture, also ein gesellschaftlicher Umgang mit sexualisierter Gewalt, bei dem den Frauen die Schuld für die erlittene Gewalt zugeschrieben wird, während die Täter entlastet werden und somit ein Weiterwirken der Gewalt begünstigt wird.

 

Die Journalistin Nadja Brenneisen machte mit einem Artikel im Vice-Magazin das Victim Blaming durch die SVP-Politikerin einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Daraufhin beginnen sich Frauen aus verschiedenen Bereichen – feministische Aktivistinnen, Wissenschaftlerinnen, Journalistinnen, Politikerinnen – über Plattformen im Internet wie Facebook zu vernetzen und ihrem Unmut eine Stimme zu verleihen. Der Hashtag #SchweizerAufschrei wird geboren. Es beteiligen sich viele Frauen und auch einige Männer aller Generationen an der Aktion. Und der Aufschrei artikuliert sich mit rasender Geschwindigkeit, denn innerhalb „eines Tages hat er sich wie ein Lauffeuer und mit der ersten medialen Präsenz noch weiter verbreitet“, stellt Nadja Brenneisen im Interview mit dem Redakteur fest. Diverse Medien berichten und das Thema wird öffentlich im Fernsehen diskutiert. Für Nadja Brenneisen war die starke mediale Resonanz überraschend. In einigen Medien werden praktische Ratschläge geboten, wie sich Frauen aktiv gegen Sexismus wehren können und wie Männer im Alltag vermeiden können, wenn auch nicht immer mit Absicht, sich sexistisch zu verhalten, so die Autorin und Wissenschaftlerin Lovis Cassaris zum Autor dieses Artikels. Nadja Brenneisen ortet gewisse Lernprozesse durch den #SchweizerAufschrei, denn: „Vielleicht hat der ein oder andere überlegt, dass die Kollegin im Büro nicht mehr so gerne „Mäuschen“ genannt werden möchte, oder dass man sich den Kommentar über den Hintern einer Frau auch sparen kann. Inwiefern die Aktion konkret „gewirkt“ hat, lässt sich kaum abschätzen, aber sie wäre nicht möglich gewesen, wenn die grosse Mehrheit alltäglichen Sexismus noch als unveränderbar gegeben wahrgenommen hätte.“ Andererseits bemerkt Jolanda Spiess-Hegglin auch, dass konservative und rechtsextreme Kreise rund um die SVP nur Spott für den #SchweizerAufschrei übrig hatten. „Es ist schon verrückt. Wenn in Köln Menschen mit ausländischem Pass womöglich Frauen belästigen, werden unsere rechten Politiker zu Feministen. Wenns darum geht, die Missstände der Gesellschaft in der Schweiz zu thematisieren, wird hämisch gelacht. Aber ja, ich musste ja auch einiges einstecken. Die SVP machte im Wahlkampf mehrmals Witze über K.O.-Tropfen. Als ob an dieser heimtückischen Droge irgendwas lustig wäre. Ich habe im letzten Jahr ungefähr 70-80 Wutbürger angezeigt, welche mich auf Social Media beschimpften oder verleumdeten. Es waren zu 95 Prozent Anhänger der SVP. Und es waren zu 98% Männer. Das sagt einfach zu viel aus.“

 

Das Schweigen durchbrechen

 

Der #SchweizerAufschrei ermutigt die Betroffenen zum Sprechen und knüpft solidarische Netze zwischen den Frauen. So kommentiert Lovis Cassaris: „Es haben sich betroffene Frauen gemeldet und ihr Schweigen gebrochen. Und sie haben Unterstützung von anderen Frauen erfahren.“ Dies wird auch von Jolanda Spiess-Hegglin bestätigt, die ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt beim #SchweizerAufschrei offen gelegt hat: Sie habe die längste Zeit nie an einen Aufstand gedacht – „(bis) ich auf sehr eindrückliche Weise übelsten Sexismus, Vorverurteilung und die Missstände unserer Gesellschaft im Allgemeinen erfahren musste. Plötzlich war Schweigen für mich keine Option mehr. Und dann kam diese neue feministische Welle, welcher ich mich gern angeschlossen habe und dadurch auch die essentielle Solidarität erfahren habe.“ Und Jolanda Spiess-Hegglin weiter: „#SchweizerAufschrei kam für mich in einer Zeit, in welcher ich extrem froh war, mich mit vielen anderen Menschen endlich über all die Unglaublichkeiten austauschen zu können. In den letzten zwei Jahren habe ich so viel erlebt, ich setzte einen Tweet nach dem anderen ab.“

 

Als wichtiges Anliegen des #SchweizerAufschreis identifiziert Nadja Brenneisen die Sensibilisierung für alltäglichen Sexismus. „Es ging darum aufzuzeigen, dass Sexismus weit verbreitet und omnipräsent ist. Es ging darum zu zeigen, dass man sich diesen nicht weiter gefallen lässt, ja, dass man stark und vernetzt ist.“ Für Lovis Cassaris steht der #SchweizerAufschrei schließlich für den Wunsch nach einer sexismusfreien Gesellschaft, in der Männer keine Macht mehr über Frauen ausüben und das Verhältnis zwischen den Geschlechtern auf Respekt und der Begegnung auf gleicher Augenhöhe beruht. Die queer*feministische Autorin bewegt sich seit vielen Jahren in der LGBTIQ-Community und weist auch darauf hin, dass als Teil des #SchweizerAufschreis auch eine Kritik am Sexismus gegenüber Angehörigen der LGBTIQ-Gruppen artikuliert wird, die von der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) formuliert wird. Lovis Cassaris findet es daher auch wichtig, „dass wir mehr sensibilisiert werden in Bezug auf Themen wie Mehrfachdiskriminierung/Intersektionalität.“

 

Vorwärts mit pinken Katzenöhrchen

 

Lovis Cassaris sieht die Wirkung des #SchweizerAufschreis darin, dass Frauen sich noch besser vernetzen. „Das Teilen der eigenen Erfahrungen mit anderen macht Sexismus sichtbarer und bewirkt, dass man sich mit dem Problem nicht alleine fühlt.“ Außerdem wird das Bewusstsein in breiteren Kreisen der Gesellschaft zunehmend geschärft, denn die öffentlichen Debatten werden auch im privaten Umfeld der Menschen thematisiert, selbst von Personen, die sich bis dahin kaum oder gar nicht mit der Problematik befasst haben. „Auch nach Monaten reden wir noch über den Aufschrei. Das ist ein gutes Zeichen“, so Lovis Cassaris.

 

Im Hinblick auf die Zukunft meint Lovis Cassaris: „Jetzt dürfen wir einfach nicht nachgeben, auch wenn Feminismus manchmal anstrengend wirkt. Wie Sarah Bosetti neulich gesagt hat: Feminismus ist wie das Kondom, das man erst noch kaufen muss, obwohl man schon nackt zusammen im Bett liegt. Ohne wär‘ es einfacher, aber langfristig nur für den Mann.“ Kontinuität ist das Zauberwort. So meint Nadja Brenneisen, dass weitere Aktionen erforderlich sind – „so müssen Frauen und Männer weiter dafür kämpfen, als Menschen nicht mehr ungleich behandelt zu werden, lieben zu können, wen sie wollen, sein zu dürfen, wer sie sind. In der Schweiz tragen beispielsweise gerade viele Frauen die pinken Katzenöhrchen (#makeswitzerlandpink). Ich persönlich sehe das ziemlich einfach: Aufhören können wir alle erst dann, wenn wir am Ziel sind“, so Nadja Brenneisen. Auch Jolanda Spiess-Hegglin meint, dass es nun von Bedeutung ist, sich zu organisieren und Strukturen aufzubauen – und diese sind gerade im Entstehen begriffen. Das gilt sowohl für die Plattformen im Netz als auch für die nicht-virtuelle Welt. Die nächste Gelegenheit sich zu vernetzen und die Stimme gegen Sexismus zu erheben, wird es am 18.März geben, wenn in Zürich der Women‘s March stattfindet. Jolanda Spiess-Hegglin sieht dem Women‘s March bereits hoffnungsfroh entgegen: „Pinke Wolle für die Pussyhats sind in vielen Warenhäusern ausverkauft.“

 

unveröffentlicht, 16.03.2017

Fck Hate! Let‘s live Love!

 

Hass tut weh

Aufstehen gegen den Hass und für eine menschliche Gesprächskultur: Lasst uns eine Gesellschaft aufbauen, in der es keinen Platz mehr für den Hass und die Gewalt gibt. Ein Baustein dazu ist eine respektvolle und liebevolle Konversation im Netz und in der Gesellschaft.

 

Wir müssen reden. Hass… er ist heute ein leidiges Thema in unserer Gesellschaft. Hass… er bricht regelmäßig aus, wenn in den Internetforen und auf den diversen Social Media Plattformen bestimmte Reizthemen fallen. Die Situation von Geflüchteten und Migrant_innen zum Beispiel. Oder die Frauenemanzipation und der Feminismus. Oder die Gleichstellung von homosexuellen Menschen. Oder… die Liste lässt sich fortsetzen und manchmal sind es auch mehrere Themen zusammen. Gemeinsam ist diesen Reizthemen, dass sie eine Welle des Hasses nach sich ziehen. Eine sehr laute, aber vermutlich zahlenmäßig nicht so große Minderheit von sehr hasserfüllten Menschen lebt in diesem Kontext hemmungslos und skrupellos ihre abartigen Gewaltphantasien bis hin zu Vergewaltigungs-, Vergasungs- und sonstigen Morddrohungen aus.


Aber der mordlüsterne Mob ist nur die Spitze des Eisberges. Darunter finden wir oft zynische und menschenverachtende Kommentare über Frauen, Geflüchtete, Juden und Jüdinnen, Homosexuelle, Muslim_innen und andere „Lieblingsopfer“ der Hasskommentator_innen, die zwar nicht offen zur Gewalt aufrufen und/oder Gewalt androhen, aber dennoch in eine Richtung gehen, bei der die Menschenwürde und die Menschenrechte der Betroffenen zumindest angekratzt, wenn nicht sogar mit dem Vorschlaghammer zertrümmert werden. Menschen werden diskriminiert, sie werden wegen einer Behinderung, ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechtes und ihrer sexuellen Orientierung oder auch wegen ihres Bildungsstandes oder wegen der Zugehörigkeit zu einer sozial marginalisierten Gruppe wie Obdachlose, Erwerbslose, Roma und Sinti, Bettler_innen, Punks usw. stigmatisiert und ausgegrenzt. Natascha Strobl spricht in diesem Kontext von der biologistischen Deutung von Ungleichheiten zwischen Menschen und daraus die Ableitung von Ungleichwertigkeit als Kernelement rechtsextremer Ideologien.


Mit Anne Wizorek sei hier die Wirkung von Hate Speech umschrieben: „Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und andere Formen von Diskriminierung existieren auch im Netz weiterhin – schließlich lösen sich entsprechende Machtstrukturen, die ja auch außerhalb der Bildschirme wirken, nicht einfach in Einsen und Nullen auf. Dieser Wunsch war am Anfang des Internets mal da, hat sich aber nicht erfüllt. Durch Hate Speech wird in erster Linie ein Klima geschaffen, in dem die Hemmschwellen, um Gewalt gegen bestimmte Personengruppen auszuüben, gesenkt werden. Gewalt gegen Menschen, die der jeweiligen Gruppe angehören, ist dann gesellschaftlich akzeptierter, was wiederum durch einen Mangel an Empathie noch mal manifestiert wird. Hate Speech dient also zur Entmenschlichung der betroffenen Personen.“


Wie auch immer sich die Hasskommentare konkret äußern – ob offene Gewaltdrohungen, spöttische und erniedrigende „Witze“, wüste Beschimpfungen, manipulative Lügenmärchen oder in anderer Form – gemeinsam ist ihnen jedenfalls eine notorische Wehleidigkeit der Verfasser_innen, sobald sie Kritik einstecken müssen – sei es nun eine Gegenrede in einem Forum oder sei es gar die Konfrontation der Schreiber_innen mit ihren eigenen Hasskommentaren vor einem Gericht. Man habe es doch gar nicht so gemeint. Es sei ja nicht ernst gemeint gewesen. Man sei völlig mißverstanden worden. Noch erbärmlicher wird es, wenn der Hass mit angeblichen Tippfehlern oder Account-Hacks relativiert werden soll – die AfD-Politikerin Beatrix von Storch meinte beispielsweise gar, sie sei „auf der Maus ausgerutscht“. Die Hasskommentator_innen sind nicht nur wehleidig, sondern fürchten auch nichts mehr, als dass sie für ihre Hass-Sprache zur Verantwortung gezogen werden und gar juristische Sanktionen folgen könnten. Und sie wollen sich ihren Hass nicht nehmen lassen und verteidigen ihre Ausbrüche gerne entgegen der Sachlage mit der „Meinungsfreiheit“.


Apropos Meinungsfreiheit: Der Hass ist durchaus auch als eine miese Strategie zu verstehen, mit der gewisse Menschen ihre Privilegien in der Gesellschaft und ihre Machtposition verteidigen wollen. Der Hass wird dabei als Mittel eingesetzt, um andere Menschen zum Schweigen zu bringen. Denn es ist ja das Ziel der Hasskommentator_innen, diejenigen mundtot zu machen und zu verängstigen, die sie zum Objekt ihrer Hassattacken erklären. Sie wollen ihre Opfer aus der Öffentlichkeit verdrängen und nehmen ihnen dadurch die Möglichkeit, ihre Meinung frei zu artikulieren, sie verhindern also, dass die Opfer des Hasses ihre Meinungsfreiheit wahrnehmen. Denn in diesem Klima des Hasses und der Gewalt trauen sich viele Menschen nicht mehr, laut ihre Stimme zu erheben.

Fck hate


Wer selten nach seiner und ihrer Meinung gefragt wird, das sind die Opfer der Hate Speech. Der Stimme der Opfer wird wenig oder kein Raum gegeben. Doch wie fühlt man sich eigentlich als ein Mensch, der mit üblem Hass überschüttet wird? Viele erzählen davon, dass sie als Folge des Hasses an Depressionen, Schlafstörungen und Ängsten leiden, der eine und die andere hatte deshalb auch schon einen psychischen Zusammenbruch. Es ist daher dringend notwendig, einen Schutzwall aufzubauen, hinter dem die Opfer von Hasskommentaren vor Belästigung, Drohungen und sonstigem Terror sicher sind, also ein Safe Space für die Opfer. Es ist unzumutbar und nicht hinzunehmen, dass die Opfer von Hate Speech aus Angst dem Internet den Rücken zukehren und sich daraus zurückziehen und/oder sich ihre Meinung in Diskussionen nicht mehr laut auszusprechen trauen, weil sie sich nicht dem Hass aussetzen wollen, mit dem man heutzutage scheinbar schon rechnen muss.


Umso wichtiger ist der Widerstand und die Rebellion gegen den Hass. Die Bedeutung von Gegenrede (Counter-speech) gegen den Hass kann gar nicht genug hervorgehoben werden. Diese kann mit vielfältigen, humorvollen und kreativen Ausdrucksmitteln stattfinden. Und umso wichtiger sind die Stimmen von mutigen und empathischen Persönlichkeiten wie Anita Sarkeesian, Anne Wizorek, Kübra Gümüşay und Jolanda Spiess, die sich jeden Tag dem Hass, dem sie selbst ausgesetzt sind, entgegenstellen und die unsere Solidarität und Unterstützung brauchen – genauso wie jeder andere, nicht so prominente Mensch, der unter dem Hass leidet und von dessen Leidensgeschichte wir vielleicht nie etwas erfahren werden. Wichtig ist, dass diese Menschen nicht auf sich allein gestellt bleiben, sondern vielfältigen Support erfahren, durch freundliche und liebevolle Botschaften und durch direkte Hilfe in akuter Not. Vernünftig sind in dieser Hinsicht zB Netzwerke von Betroffenen, die aktiv dazu beitragen, dass den Menschen, denen der Hass zu schaffen macht, schnell und unkompliziert geholfen wird.

Love Speech Therapy


Doch wie kann ein Safe Space für die Opfer aufgebaut und gepflegt werden? Einerseits ist alles gut, was die Hasskommentator_innen daran hindert oder es ihnen zumindest schwer und unbequem macht, ihren Hass in die Welt zu setzen. Sei dies nun die Sicherung und Dokumentation der Hasspostings für eine Strafanzeige an die Staatsanwaltschaft oder sei dies eine Löschung der Hasspostings aus den Foren und Plattformen oder seien dies einfach kreative Wege der Gegenrede. Zugleich kann es auch helfen, eine neue Gesprächskultur zu stärken – eine Konversation des gegenseitigen Respektes und des liebevollen Umganges mit einander, bei der sachliche Argumente und ein freundlicher Umgangston gepflegt werden. Man kann ja unterschiedlicher Meinung über ein Thema sein, aber Kontroversen sollten immer auf respektvollem Austausch beruhen, auf gleicher Augenhöhe stattfinden und die Menschenrechte und -würde von allen berücksichtigen. Eine Debatte ist doch umso fruchtbarer für alle, je mehr die Beteiligten einander neue Horizonte und Perspektiven eröffnen und von einander lernen. Gleichzeitig kann die Stärkung und Pflege eines Raumes, in dem eine solche respektvolle und liebevolle Gesprächskultur stattfindet, dazu führen, dass der Hass zurückgedrängt wird. Man wird ja noch träumen dürfen, aber vielleicht kommt noch der Tag, an dem das gesamte Internet und unsere Gesellschaft sich zu einem Raum für eine solche Gesprächskultur entwickelt, an der alle gleichberechtigt und angstfrei teilhaben. Diese Aussicht lohnt das Engagement und es liegt in unserer Hand, für diese Gesprächskultur zu kämpfen.

 

unveröffentlicht, 19.10.2016

Hermine Granger ist also schwarz, na und?!

 

Magische Freund*innen

Manchmal ist die Wahrheit komischer als eine erfundene Geschichte… „Harry Potter und das verfluchte Kind“ heisst die neue Geschichte, die in der von JK Rowling entworfenen Zauberer- und Hexenwelt spielt. Es wird ab 2016 in London als Theaterstück aufgeführt werden. Hermine Granger, eine der prominentesten Heldinnen in der Buchserie, wird dabei von Noma Dumezweni dargestellt werden, die aus Swaziland kommt. Im Internet schlagen nun die Wellen der Empörung mal wieder hoch. Rassist_innen wollen einfach nicht einsehen, warum ihre geliebte (?) Hermine plötzlich eine schwarze Hautfarbe haben soll.

 

Keine Annahme scheint ihnen zu abwegig, um hervorzuheben, warum Hermine Granger ganz bestimmt nicht schwarz sein könne und warum eine schwarze Schauspielerin nicht in diese Rolle schlüpfen dürfe. Natürlich wird auch der berüchtigte, reflexhafte Hinweis aus der Mottenkiste aller besorgten Bürger_innen hervorgekramt: „Ich bin ja kein Rassist, aber…“.

 

In der Forendiskussion auf Harry Potter Xperts wird etwa darauf hingewiesen, dass JK Rowling für Hermine selbst eine weisse Hautfarbe vorgesehen habe. Und vermeintlich belegt wird dies durch den Hinweis auf bestimmte Stellen in den Büchern, wo sie mal schreibt, dass Hermine braungebrannt aus den Ferien zurückkommt, mal dass sie im Gesicht rot anläuft. Dies seien unzweifelhafte Beweise, warum Hermine Granger nur als „weiss“ vorgestellt werden könne. Und warum Noma Dumezweni eindeutig eine „Fehlbesetzung“ sei. Manche orten gar eine finstere Verschwörung von Medien und politisch korrekten Fans, die nur gerne die „Rassismuskeule“ auspacken würden. Hermine sei weiss, bleibt weiss und wer sie sich anders vorstellt, der irre sich eben und wisse nicht über die „Fakten“ bescheid.

 

In der taz kommentiert Zoe Sona: „Den selbsternannten Sittenwächter_innen der Hautfarbe geht es ums Prinzip: In einer Welt, die von weißen Menschen dominiert wird, deren Privilegien durch eine rassistische Alltagskultur und Politik aufrecht erhalten wird, kann es keine schwarzen Held_innen geben. Und in einer magischen Parallelwelt, in der die Post von Eulen geliefert wird, schon gar nicht.“

 

Rassismus ist nach Stuart Hall „eine soziale Praxis, bei der körperliche Merkmale zur Klassifizierung bestimmter Bevölkerungsgruppen benutzt werden, etwa wenn man die Bevölkerung nicht in Arme und Reiche, sondern z.B. in Weiße und Schwarze einteilt. Kurz gesagt, in rassistischen Diskursen funktionieren körperliche Merkmale als Bedeutungsträger, als Zeichen innerhalb eines Diskurses der Differenz.“ Und weiter meint Hall: Es entsteht dabei ein „rassistisches Klassifikationssystem …, das auf „rassischen“ Charakteristika beruht. Wenn dieses Klassifikationssystem dazu dient, soziale, politische und ökonomische Praxen zu begründen, die bestimmte Gruppen vom Zugang zu materiellen oder symbolischen Ressourcen ausschließen, dann handelt es sich um rassistische Praxen.“

Wenn also in Frage gestellt oder verneint wird, dass Noma Dumezweni die richtige Besetzung für die Rolle der Hermine sei, weil sie eine schwarze Hautfarbe hat, dann ist dies rassistisch. Denn es wird hier gefordert, sie aufgrund ihrer Hautfarbe von einer schauspielerischen Tätigkeit auszuschließen. Teilweise wird ihr überhaupt das Talent abgesprochen, obwohl noch niemand wissen kann, wie sie sich in der Rolle der Hermine schlagen wird, da die Uraufführung erst 2016 ansteht.

Chitra Ramaswamy bezieht sich im „Guardian“ auf die Empörung im Netz und fragt: „Ist Hermine Granger schwarz? Die Antwort ist zweierlei. Erstens: Warum nicht, verdammt noch mal? Zweitens: Was für eine dumme Frage!“

 

Die Beschreibung der Hautfarbe kann in der Literatur manchmal durchaus im Kontext relevant werden. So ist es eben nicht unwichtig, ob etwa Onkel Tom im gleichnamigen Roman eine schwarze oder weisse Hautfarbe hat. Denn schließlich thematisiert ja der Roman die Sklaverei. Und darunter haben historisch ganz besonders Menschen aus Afrika gelitten. Es wäre also ziemlich skurril, sich den Protagonisten einer Geschichte über die Sklaverei in den USA als weiss vorzustellen.

 

In der Welt von „Harry Potter“ spielt etwas so Oberflächliches wie die Hautfarbe jedoch keine Rolle. Ähnliches gilt übrigens auch für die sexuelle Orientierung, denn JK Rowling erntete bereits einige Irritationen, als sie im Nachhinein öffentlich feststellte, dass Dumbledore „wahrscheinlich schwul“ ist. Der mächtigste Zauberer von allen ist homosexuell? So what. Er bleibt der mächtigste Zauberer im „Harry Potter“-Universum und seine sexuelle Orientierung ist weder von Belang noch ändert sie etwas an seinen Fähigkeiten.

 

JK Rowling versteht es prächtig, die Individuen, welche die Zaubererwelt bewohnen, in ihren charakterlichen Eigenheiten und Verhaltensweisen und in ihren Beziehungen zu einander zu beschreiben. Die Botschaft lautet: Was einen Menschen ausmacht, sind seine und ihre Gefühle, Wünsche, Träume, Ideen und Verhaltensweisen – nicht jedoch Äußerlichkeiten wie die Hautfarbe. Momente von Freundschaft und Liebe sind immer wieder kehrende Erfahrungen, über die JK Rowling schreibt. Rassismus ist zwar ein Thema in dieser Welt, jedoch im Sinne eines Problems, das das Klima in der Gesellschaft vergiftet und dem Reich des Bösen zugeordnet wird, das durch You-Know-Who und seine Anhängerschaft personifiziert wird.

 

Jene Stellen, die von den Gegner_innen einer schwarzen Hermine herangezogen werden, um die Farbe ihrer Haut zu „belegen“, erweisen sich bei näherer Betrachtung nur als Hinweise darauf, wie sich Hermine in einer bestimmten Situation fühlt oder verhält. Wenn sie rot im Gesicht wird, dann will JK Rowling damit wohl nur aussagen, dass ihr etwas peinlich oder unangenehm ist. Und wenn Hermine braungebrannt aus dem Urlaub zurückkehrt, dann soll dies vermutlich kein Hinweis auf ihre Hautfarbe sein, sondern es wird lediglich beschrieben, dass sie sich wohl fühlt, weil sie frisch, fröhlich und entspannt aus den Ferien kommt.

 

Aber könnte es nicht sogar plausibel sein, sich Hermine Granger gerade als schwarz vorzustellen? In den Büchern wird Hermine als Angehörige einer Minderheit – sie kommt aus einer nicht-magischen Familie, den sogenannten Muggeln – mehrmals rassistisch diskriminiert. So wird sie zB von einem Mitschüler als „dreckiges Schlammblut“ beschimpft. Ferner zeigt Hermine viel Courage und wehrt sich gegen die ungerechte Behandlung von anderen, seien es Menschen, Riesen oder Hippogreife. Und Hermine setzt sich für die Freiheit der Hauselfen ein, die in der Welt der Zauberer und Hexen als Sklaven behandelt werden. Schließlich kämpft sie als Aktivistin einer Widerstandsbewegung am Ende sogar gegen die rassistische Diktatur von You-Know-Who, in der de facto eine Apartheid zwischen Magiern und Muggeln herrscht. Zieht man nun diese Erfahrungen und die Art und Weise, wie sich Hermine in bestimmten Situationen verhält, in Betracht, dann erscheint es durchaus als stichhaltig, wenn sich manche Leser_innen gerade Hermine als schwarz vorstellen. Es hängt wohl auch damit zusammen, ob die Leser_innen selbst schon einmal von Rassismus betroffen waren.

 

In der Fanart-Szene wird Hermine Granger jedenfalls seit geraumer Zeit in den verschiedensten Farben gemalt. Manche stellen sie sich schwarz vor und für manche sieht sie asiatisch aus. JK Rowling hat sich übrigens auf Twitter dazu bekannt, was sie von dieser seltsamen „Diskussion“ hält und kommentierte fürs Protokoll: „Richtschnur: braune Augen, krause Haare und sehr schlau. Eine weisse Hautfarbe war nie festgelegt. Rowling liebt die schwarze Hermine *küsschen*“.

 

unveröffentlicht, 29.12.2015

Das Recht auf ein Leben in Frieden (Victor Jara)

 

Juan Neira im Portrait

 

„Cancion popular“ von Luis Villarroel

Die Augen von Juan Neira leuchten und er beginnt herzhaft zu lachen, wenn er von den Kindern damals in Chile erzählt. Damals… das ist im Jahr 1970, als der sozialistische Präsident Salvador Allende gewählt wird und Juan selbst gerade mal 17 Jahre alt ist. In einem großen Park mitten in Santiago de Chile organisiert er für die Kinder soziales Kasperltheater. Die kleinen Knirpse, meist Kinder aus Arbeiter_innenfamilien, reden ihn ganz selbstverständlich mit „Companero“ an, also Genosse. Und Juan amüsiert sich noch heute prächtig, wenn er sich zurückerinnert, wie die Kleinen plötzlich Steine auf die Bühne werfen und den Puppenspieler_innen mit Holzlatten auf die Finger klopfen. Denn das Kasperltheater setzt die Ungerechtigkeiten und die Ausbeutung in Szene, unter denen die Arbeiter_innen seit jeher leiden. Das macht zu Recht wütend.

 

Aber lassen wir den Blick auf ein paar Jahre vorher schweifen. Juan Neira wird Anfang der 1950er Jahre in der chilenischen Hauptstadt Santiago geboren. Seine Familie mit bäuerlichem Hintergrund wandert aus dem Süden nach Santiago und lässt sich dort im Arbeiter_innenviertel Barrancas am Rande der Stadt nieder. Eine seiner frühesten Erinnerungen aus der Kindheit ist jene an Agustin, seinen Schulkollegen aus der ersten Klasse, die er in seinem Viertel besucht. Die Familie des kleinen Agustin ist so arm, dass sie ihn sogar im Winter ohne Schuhe in die Schule schicken muss. Juans Familie, die im Armenviertel Barrancas lebt, immerhin sogar mit einem eigenen Hof, verfügt wenigstens über genug Einkommen, um Juan zum Schulbeginn zwei Paar Schuhe zu kaufen. Juan bekommt so großes Mitgefühl mit Agustin, dass er ihm sein braunes Paar Schuhe schenkt. Fröhlich erzählt Juan, wie Agustin daraufhin glücklich über das Eis tanzt. Gleichzeitig die „erste große Enttäuschung für meine Eltern“, denn diese verstehen seinen Akt der Solidarität nicht, meint Juan im Rückblick. Ein anderes Erlebnis aus seiner Kindheit zeigt, dass Juan schon früh lernt, seine Stimme zu erheben, wenn er nicht einverstanden ist. In der privaten Franziskanerschule, die Juan von 1960 bis 1965 besucht, ist Fußball das einzige verbotene Spiel für die Schüler. Wahrscheinlich deshalb, weil dieser Sport den Priestern und Nonnen als „proletarisch“ gilt, vermutet Juan. Trotzdem oder gerade deshalb sorgt Juan dafür, dass die Schüler in der Mittagspause, wenn die Priester und Nonnen schlafen, mit einem improvisierten Ball aus Papier über den Hof fegen können. Mehr als einmal muss er deshalb zur Strafe in der Ecke stehen. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, beim nächsten Mal wieder ein Match für die Schüler zu organisieren. Und auch zur Musik entwickelt er eine leidenschaftliche Beziehung, denn mit 12 Jahren beginnt Juan, sich mit Freund_innen zu treffen, um gemeinsam Gitarre zu spielen und zusammen zu träumen, wie er sagt.

 

Doch von den Fenstern zu Hause beobachtet Juan schon als kleines Kind die Gewalt der Sicherheitskräfte, wenn die Arbeiter_innen mal wieder streiken. Das Armenviertel Barrancas ist ein heißes Pflaster, wo in dieser Zeit viele soziale Konflikte stattfinden. Als Juan schließlich in die Handelsschule wechselt, gerät er zum ersten Mal in Berührung mit politisch aktiven Schüler_innen. In der Folge nimmt Juan an Schulstreiks teil und beteiligt sich auch an den Besetzungen, mit denen 1966 – ähnlich wie auch heute wieder – in Chile eine Bildungsreform gefordert wird. Mehrere Male wird Juan wegen einer Schulbesetzung der Schule verwiesen. Bei den Okupas, also den Landbesetzungen von obdachlosen Arbeiter_innen in Santiago, kann Juan nicht mitmachen, da er noch minderjährig ist und ihm bei einer etwaigen Verhaftung das Jugendgefängnis droht. Dennoch hilft er eifrig mit, indem er gemeinsam mit Companer@s alles Nötige für die Landbesetzung sammelt: Zelte, Lebensmittel, Kochgeschirr, Brennmaterial und er besorgt von Freund_innen eine chilenische Flagge. Denn die Landbesetzer_innen glauben, dass die Polizei weniger gewalttätig vorgeht, wenn eine Nationalfahne vor Ort gehisst wird. Das erweist sich als Irrglaube, denn die Räumungsversuche von Polizei und Armee laufen sehr brutal ab und oft werden dabei Kinder verprügelt und Menschen erschossen.

 

Als Salvador Allende bei seiner vierten Kandidatur zum Präsidenten gewählt wird, hegt auch Juan so wie viele andere Chilen_innen große Hoffnungen auf soziale Veränderung, Gerechtigkeit und ein gutes Leben für alle – auch wenn er der Regierung kritisch gegenüber steht. Juan gehört nämlich zu den „jungen Wilden“, in deren Augen der Prozess der Veränderung viel zu langsam vonstatten geht. Viele Arbeiter_innen und die Armen „machen Lärm“, um die Dynamik der gesellschaftlichen Veränderung durch die Poder Popular („Volksmacht“) zu beschleunigen. Salvador Allende hingegen möchte aus Angst, die politische Rechte im Land zu provozieren, lieber leiser treten. Aber der Faschismus zeigt seine hässliche Fratze schon in den Tagen, bevor Salvador Allende überhaupt als Präsident angelobt wird. Zwei Tage vor seinem Amtsantritt wird General Rene Schneider von Rechtsextremen ermordet, weil er sich loyal zur Verfassung bekennt und sich der Demokratie verpflichtet fühlt. Wenn Juan auf diese Zeit zurückblickt, dann fällt ihm auf, dass Salvador Allende der einzige chilenische Politiker ist, für den er mit den Jahren immer mehr Respekt entwickelt hat. Andere Politiker_innen, selbst aus dem linken Lager wie die heutige sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet, haben sich Juan zufolge mit den Verhältnissen arrangiert. So wurde das neoliberale Regime, das von der Pinochet-Diktatur gewaltsam durchgesetzt wurde, nach dem Übergang zur Demokratie zu Beginn der 1990er Jahre nicht in Frage gestellt und bruchlos fortgeführt.

 

Am 11.September 1973 werden die Träume und Hoffnungen von unzähligen Chilen_innen furchtbar zerschmettert und der Schrecken der Militärdiktatur von General Pinochet verbreitet von nun an Terror. Juan hat großes Glück, denn er entgeht mehrmals den Schergen der Diktatur, einmal sogar nur um wenige Minuten. Drei Monate vor dem Putsch wird er mit anderen aus dem elektrotechnischen Betrieb entlassen, wo Juan mit der Organisation des Puppentheaters betraut ist, weil die Firmenleitung den Verdacht „revolutionärer Umtriebe“ äußert. Nun befindet sich gegenüber dem Parque O’Higgins, wo sich die Kinderbühne befindet, eine Kaserne. Die Entlassung hat ihn also sozusagen gerettet, denn gleich nach dem Putsch stürmt die Armee den Park und viele Arbeiter_innen werden zu Opfern der Diktatur. Auch das Haus seiner Eltern wird immer wieder von Militärs durchsucht. Für Juan beginnt nun eine sehr schwere Zeit. Um den Schergen der Diktatur nicht in die Hände zu fallen, sucht Juan Hilfe beim Anwaltsbüro der ökumenischen Friedensbewegung. Erst wird ihm nahegelegt, dass er das Land besser verlassen solle. Als Juan jedoch ein Visum nach Deutschland ablehnt und seine feste Überzeugung zum Ausdruck bringt, in Chile bleiben zu wollen, sind die Vertreter_innen der Kirche so beeindruckt, dass sie ihm Unterstützung anbieten. Im darauf folgenden Jahr ist man ihm dabei behilflich, sich sicher durch Santiago zu bewegen und vor der Diktatur zu verstecken.

 

Trotz aller Widrigkeiten bleibt Juan sein rebellischer Geist erhalten. Er veranstaltet gemeinsam mit Companer@s in verschiedenen Lokalen und Kirchen am Stadtrand Benefizkonzerte für die Angehörigen der politischen Gefangenen und kocht und sammelt für Hunger leidende Menschen. Dabei hat Juan selbst kaum etwas. Für die Diktatur erscheinen Menschen mit Gitarre und Flöte sogar noch verdächtiger als bewaffnete Guerilleros. Und wieder entkommt Juan nur knapp der Verfolgung: Bei einem Konzert trägt er ein Lied vor, das Kritik am Militär übt. Plötzlich bemerkt er im Publikum eine Frau, die ihm Zeichen gibt. Da er nicht versteht, was sie von ihm will, denkt er, dass die Frau durcheinander sei. Nach dem Ende des Liedes wirft Juan einen Blick ins Publikum und bekommt plötzlich Angst, als er im Hintergrund die Helme von Soldaten erkennt. Schnell verabschiedet er sich, wirft seine Gitarre weg und flüchtet über eine Mauer. Mit einem Schlag wird ihm klar, dass die mutige Frau im Publikum ihn mit ihren Zeichen warnen wollte.

 

Im Jahr 1980 – Juan ist inzwischen Vater von zwei Kindern – sieht Juan überhaupt keine Perspektive mehr in Chile. Seine Familie wird von der Armee belästigt und dem Widerstand im Untergrund gelingt es nicht, adäquate Antworten auf die Repression zu finden. Die Massenproteste, die letztlich dazu beitragen werden, die Diktatur zu Fall zu bringen, beginnen erst drei Jahre später. Um seine Kinder zu schützen und weil er keinen Handlungsspielraum mehr sieht – außer „auf die Haft zu warten“ – flieht Juan aus Chile und sucht in Österreich um Asyl an. Neben musikalischen Arbeiten für Dokumentationen und das Fernsehen tritt Juan nun auf Festivals auf. Er fängt an, mit Jugendlichen zusammen zu arbeiten, bringt ihnen die Musik näher und unterrichtet sie in verschiedenen Instrumenten. Bald gehen Musikgruppen wie „Lican Antai“, „Copihues“, „Musikwerkstatt Arco Iris“, „Marca Tambo“ und „Musikwerkstatt Mallarauco“ daraus hervor, mit denen er unzählige Konzerte bestreitet sowie die „Notenchaoten“, die in ihrer Kunst lateinamerikanische Musik mit deutschen Texten verbinden. Überhaupt sieht sich Juan als Brückenbauer zwischen Südamerika und Österreich und gibt gerne Konzerte mit chilenischen und österreichischen Einflüssen. Als Obmann des Centro Once/Stadtteilzentrum Simmering trägt Juan schließlich dazu bei, dass dieses Kulturzentrum in der Schneidergasse im 11. Wiener Gemeindebezirk zu einem Ort wird, an dem viele künstlerische Ausdrucksformen zusammenfließen und durch gegenseitige Befruchtung die Menschen erfreuen. Hier werden Menschen, gleich welcher Herkunft, dabei unterstützt, Kunstprojekte mit möglichst geringem finanziellem Aufwand umzusetzen.

 

In Österreich, wo Juan mittlerweile länger lebt als in Chile, fühlt er sich wie in seinem „Habitat“, mit allen Vor- und Nachteilen. Das ist nicht immer so gewesen. Anfangs fühlt er sich hier nicht wohl und empfindet Traurigkeit. Denn er hat bei seiner Flucht aus Chile nicht nur all seine Freund_innen und Companer@s zurück lassen müssen. Seine neue Umgebung ist für ihn auch wie ein Kulturschock. Denn alles scheint hier schon gemacht und gut zu laufen. Juan muss sich also erst auf die Suche nach einer Aufgabe in der Gesellschaft machen. Und er entdeckt sie bald: Zusammen mit anderen Musiker_innen besucht er regelmäßig Krankenhäuser und Altersheime, um den Menschen dort eine Freude zu bereiten. Natürlich kostenlos, denn Juan hätte ein schlechtes Gewissen, dafür auch noch Geld zu verlangen, sagt er. Seine materielle Situation ist nicht gerade rosig, aber auf dieser Ebene möchte er sich ohnehin nicht mit anderen Menschen verglichen wissen. Juan begegnet anderen Menschen nämlich auf gleicher Augenhöhe und er erfährt in seinem Umfeld die gleiche respektvolle Behandlung. Trotzdem weiß er, dass das in Österreich keine Selbstverständlichkeit ist und Menschen aus Afrika oder Afghanistan auch weniger angenehme Erfahrungen im Alltag machen. Für Juan gehört aber genau dieses Gefühl – nicht mehr und auch nicht weniger als alle anderen zu sein – unbedingt dazu, um sich in einem neuen Land wohl zu fühlen. Gerade von anderen Künstler_innen erfährt Juan eine große Freundlichkeit und Zuneigung. Und dies trägt wohl auch dazu bei, dass er Österreich als sein „Habitat“ erlebt. Der Antrag auf die österreichische Staatsbürgerschaft vor drei Jahren ist für Juan nur noch eine Formalität. Er denkt lange Jahre gar nicht an diese Option oder etwaige Vorteile und lässt sich schließlich von Freund_innen dazu überreden: „Mach das“, reden sie ihm zu, „es ist genug, du bist schon von da, mach die Staatsbürgerschaft“. Jetzt, wo er die Staatsbürgerschaft besitzt, die seinen Flüchtlingsstatus beendet, ist es ihm auch offiziell erlaubt, nach Chile einzureisen.

 

Wenn er Chile besucht, um seine Mutter und Freund_innen zu treffen, so dauert es jedes Mal ein bisschen bis Juan sich wieder akklimatisiert hat. „Ach Juan, du wurdest in Österreich germanisiert“, scherzen seine Freund_innen gerne, wenn er mal wieder pünktlich auf die Minute zu einem Treffpunkt kommt und dann lange warten muss bis seine Freund_innen nach und nach eintrudeln. Dazu muss man wissen, dass es in Chile üblich ist, entspannt eine Stunde später zu einem abgemachten Treffen zu kommen, wobei eine Viertel Stunde bis 20 Minuten zusätzliche Verspätung noch als höflich gelten. Juan genießt jedenfalls seine Aufenthalte in Chile zusammen mit Freund_innen auf dem Land bei Rotwein und Empanadas, man vergnügt sich auf Konzerten und es wird viel gemeinsam gelacht.

 

gekürzte Fassung erschienen in: Augustin 400 (28.10-10.11.2015)

 

Zu Hause ist, wo du mit einem Lächeln empfangen wirst

 

Train of Hope

Özlem K. ist Lehrerin und liebt es, Menschen zu begegnen. Ahmad M. ist Journalist und hat einen langen und beschwerlichen Weg aus dem Irak hinter sich. Gemeinsam ist den beiden, dass sie leidenschaftlich gerne in ihrer Freizeit malen. Vielleicht sind sie sich sogar schon über den Weg gelaufen – hier am Hauptbahnhof in Wien. Eine Helferin und ein Mensch auf der Flucht erzählen.

 

Flucht und Bewegungsfreiheit

 

Ahmad M. spricht unmissverständlich aus, was er braucht, um sich wohl zu fühlen: Sicherheit und Frieden. Zusammen mit seiner Frau – er ist Schiite aus dem Süden, sie ist Sunnitin aus dem Westen – ist Ahmad M. vor ca. einem Monat aus dem Irak vor Gewalt und Verfolgung geflohen. Ein Teil seiner Familie hält sich noch in der Türkei auf, wo er sich aus Angst vor Repressalien auch nicht sicher fühlt. Er berichtet davon, dass seine Frau und er von der ungarischen Polizei geschlagen wurden. Vor mehreren Tagen hat er vom Fall eines Irakers erfahren, der in einem österreichischen Asylzentrum von einem Security misshandelt wurde. Bei Ahmad M. und anderen hat dies Erinnerungen an die Gewalt in Ungarn wachgerufen.

 

Kritik übt Ahmad M. auch daran, dass die lange Dauer der Asylverfahren in Österreich die meisten Menschen stark verunsichert und bedrückt, da sie nicht wissen, ob sie bleiben dürfen oder wieder das Land verlassen müssen. Bei der Einvernahme durch die Behörden vermisst Ahmad M. das Vertrauen in die Menschen, die Wahrheit zu sagen. Denn aufgrund der Tatsache, dass viele Menschen aus dem gleichen Land oder gar der gleichen Stadt flüchten und oft ähnliche schmerzhafte Erfahrungen machen, scheinen die Behörden den Flüchtlingen keinen Glauben zu schenken. Dringlich ist auch die schnelle Bereitstellung von Unterkünften, sagt Ahmad M., da es den Menschen nicht zugemutet werden darf, die bevorstehende kalte Jahreszeit in Zelten oder gar obdachlos zu überwintern. Er möchte am liebsten nach Skandinavien weiterreisen, um wieder mit dem Rest seiner Familie zusammenzukommen. Daher wünscht er sich von der österreichischen Regierung die Möglichkeit zur schnellen Weiterreise für alle Flüchtlinge, sofern sie dies wünschen. Als wenig vertrauensbildend empfindet Ahmad M. auch die Entscheidung der deutschen Regierung, nun Fingerabdrücke an der Grenze abzunehmen. Er möchte die freie Wahl haben zu entscheiden, wohin er geht und sich nicht durch staatliche Registrierung in seiner Freiheit einschränken lassen.

 

Begegnungen zwischen Menschen

 

Wovon Özlem K. besonders beeindruckt ist, das sind die Begegnungen mit anderen Menschen, ungeachtet von Herkunft, Sprache und anderen Unterschieden. Sie bewundert die vielen Menschen, die gemeinsam mit ihr den Menschen auf der Flucht helfen. Die Beziehungen zu den Menschen – Helfer_innen wie auch Flüchtlinge – sind für sie sehr wertvoll. Obwohl sie gerne auch Menschen kennenlernen möchte, die am Hauptbahnhof ankommen, ist Özlem K. meistens zu beschäftigt, um persönliche Beziehungen zu pflegen. Auch Ahmad M. wünscht sich, mit den Menschen am Hauptbahnhof ins Gespräch zu kommen, er beklagt jedoch, dass Sprachbarrieren dies erschweren. Da sie ihrem Beruf als Lehrerin nachgeht und gerade ihren Master in Religionspädagogik macht, kommt Özlem K. unter der Woche jeden Tag am Nachmittag zum Hauptbahnhof und arbeitet dann bis in den Abend hinein beim Essensstand. Am Wochenende bleibt sie auch manchmal über Nacht. Es berührt sie tief, Menschen zu treffen, die auf der Suche nach ihrer Familie sind oder denen sie helfen kann, ihre nassen Schuhe gegen trockene Kleidungsstücke zu wechseln. Manchmal ist Özlem K. den Tränen nahe, wenn sie den Fluchtgeschichten betroffen zuhört – gleichzeitig versucht sie stark zu bleiben, um den Menschen Mut zuzusprechen. Zum Ausweinen geht sie dann nach Hause.

 

Gemeinsam anpacken

 

Özlem K. ist eine von vielen, die anpackt, wo es erforderlich ist und die gerne den Menschen auf der Flucht hilft. Beim Essensstand am Hauptbahnhof übernimmt sie alle Aufgaben, die gerade anfallen: Gemüse schneiden, notwendige Sachen organisieren, saubermachen. Anfangs hat sie oft übersetzt, vor allem für Flüchtlinge, die sich auch in der Türkei aufgehalten haben. Doch sogar wenn sie sich gerade nicht am Hauptbahnhof befindet, schreitet sie zur Tat und kocht mit ihren Kolleg_innen in der Schule oder organisiert Decken und Matten für die Flüchtlinge. Am Hauptbahnhof funktioniert vieles wie geschmiert – es wird gar nicht lange diskutiert sondern einfach in Selbstorganisation getan, was notwendig ist.

 

Genau das unterscheidet auch Menschen wie Özlem K. von den Regierenden in Österreich. Während die Regierung notwendige Maßnahmen für die Öffnung der Grenzen und das Willkommenheißen der Flüchtlinge unterlässt, beweisen die Helfer_innen und NGOs, dass sie sich nicht vom Leid abwenden und ihre Arme öffnen, um tatkräftig den Menschen auf der Flucht zur Seite zu stehen. Ahmad M. sagt, dass er sich hier willkommen fühlt und die Freundlichkeit der Menschen spürt – gleichzeitig weiß er nicht genau, ob die Regierung auch so empfindet wie die vielen Helfer_innen.

 

Zu Hause ankommen

 

Die Menschen, die am Hauptbahnhof ankommen, machen auf Özlem K. ein wenig den Eindruck, verloren zu sein. Zwar werden sie hier gut versorgt, aber dennoch haben sie nach den entbehrungsreichen und leidvollen Erfahrungen auf ihrer Flucht noch keinen Ort gefunden, den sie ihr Zuhause nennen können. Daher ist es auch wichtig, den Menschen durch freundliche Gesten ein Gefühl des Wohlbefindens und der Geborgenheit zu schenken – und sei es durch ein Lächeln, so Özlem K.

 

Der Moment, der sie bisher am meisten bewegt hat, ist für Özlem K. jener Abend, als mehrere Flüchtlinge sich auf den Platz vor dem Hauptbahnhof begeben und ausgelassen mit einander tanzen und singen. Ein Moment der Freude und des Gefühls, willkommen zu sein. Wenn sie sich etwas wünschen darf, dann möchte Özlem K. gerne erleben, dass die Menschen auf der Flucht ein Zuhause finden. Einen Ort, den sie sich selbst aussuchen können und wo sie endlich zur Ruhe kommen und sich wohlfühlen.

 

veröffentlicht auf no-racism.net

Röszke: Helfen oder zuschauen, wie Menschen sterben

 

Röszke, Anfang September 2015. Kinder zittern vor Kälte, Hunger breitet sich unter den Ankommenden aus, Menschen werden krank, weil sie schutzlos und ohne Dach über dem Kopf der Witterung ausgesetzt sind, viele Menschen schlafen auf dem harten Boden. Rund um das ungarische Erstaufnahmezentrum Röszke herrschen unerträgliche und menschenunwürdige Zustände.

 

Überwachung statt Hilfe

 

Während in Röszke das Elend vorherrscht und die Menschen leiden, nehmen sich die Behörden alle Zeit der Welt, um die ankommenden Flüchtlinge zu registrieren. Denn nur wer seine oder ihre Fingerabdrücke hergibt, darf sich weiter auf den Weg in Richtung Grenze machen. Manche Flüchtlinge verweigern dies aus gutem Grund. Denn nach wie vor ist die Dublin-Verordnung in Kraft, die nur in jenem Land die Behandlung des Asylantrages gewährleistet, in dem die Menschen zuerst europäischen Boden betreten haben. Die Abnahme der Fingerabdrücke in Ungarn bedeutet daher für viele eine akute Bedrohung und löst Ängste aus, hinter Stacheldraht und Zäunen festgehalten zu werden.

 

Mittlerweile haben die ungarischen Behörden die Menschen aus dem Lager in Röszke weggebracht. Das Lager selbst bleibt jedoch bestehen und es kommen neue Leute nach. Über die weitere Entwicklung in Röszke kann gegenwärtig nur spekuliert werden. Die Situation ändert sich nahezu stündlich. Die ungarische Regierung hält jedenfalls daran fest, die Menschen auf der Flucht zu registrieren. Christine Schörkhuber, Helferin bei SOS Röszke, berichtet, dass Passierscheine ausgestellt werden, mit denen die Menschen innerhalb Ungarns von einem Camp, etwa Röszke, ins nächste, wie etwa Györ, verlegt werden. Der ungarische Staat erwartet, dass die Menschen dort einen Asylantrag stellen. Diese offiziellen Lager scheinen zwar basisversorgt zu sein, aber die Lebensbedingungen sind nicht menschenwürdig, so Christine Schörkhuber.

 

Die ungarische Polizei treibt seit Tagen ein Katz und Maus-Spiel mit Flüchtlingen. Mal werden sie durchgelassen, mal werden sie aufgehalten. Auch gegenüber den Autokonvois mit den Hilfslieferungen bleibt die Polizei unberechenbar – es muss mitunter lange verhandelt werden, bevor ein Weiterfahren möglich ist. Doch nicht nur die ungarische Regierung, sondern auch die Regierung von Deutschland trägt nun zur unsicheren Situation bei, indem sie den Druck auf die Flüchtlinge erhöht und die Grenzen schließt.

 

Mut zur Hilfe

 

Österreich kann hier zur Entspannung beitragen, indem es genau den umgekehrten Weg geht und die Grenzen für Fluchtbewegungen umgehend öffnet. Anstatt wie aktuell die Grenzüberwachung zu verstärken, bietet es sich für eine Entspannung an, die Logistik und Koordination der Helfer_innen zu unterstützen.

 

Denn eines haben die Ereignisse der letzten Wochen deutlich gezeigt: eine humanitäre Katastrophe lässt sich abschwächen und letztlich wohl auch ganz verhindern, wenn Helfer_innen sich mit Menschenverstand zusammenschließen. Doch es bedarf auch der Unterstützung durch staatliche Stellen, die ja über bessere Infrastruktur und Ressourcen verfügen. Die Situation lässt sich auch in Österreich und Deutschland meistern, wenn der politische Rahmen die Hilfe der Menschen begünstigt. Die Politik soll Menschen beim Helfen unterstützen und nicht ihr bisheriges Spiel fortsetzen und mal die Grenzen öffnen, dann wieder schließen, hebt Christine Schörkhuber hervor.

 

Selbst wenn sie es schaffen, nach Westen weiterzureisen, bleibt die Gefahr bestehen, wieder nach Ungarn zurückgeschoben zu werden. Immer wieder kam es in Röszke zu kleineren oder größeren Ausbruchsversuchen, die brutal von der ungarischen Polizei niedergeknüppelt wurden. In den um Röszke liegenden Feldern stehen die Flüchtlinge lange im Polizeikessel, während manche fliehen und sich zu Fuß auf den langen Weg zur österreichischen Grenze aufmachen. Doch nicht alle schaffen es, viele werden wieder nach einigen Kilometern von der ungarischen Polizei eingefangen. Immerhin schaffen es einzelne, mit Autos der Registrierung durch die ungarischen Behörden zu entgehen.

 

Um die Menschen auf der Flucht aus dieser katastrophalen Situation herauszuholen, sammeln sich in Österreich und Deutschland couragierte Menschen, die mit Autokonvois nach Ungarn fahren. Gleichzeitig versuchen Menschen, das Elend in Röszke zu lindern, indem behelfsmäßige Hilfsstrukturen aufgebaut werden, um die Flüchtlinge mit dem Allernötigsten wie Nahrungsmittel, Wasser, Medizin, warme Kleidung, Regenschutz und Zelten zu versorgen. Kurzfristig erhofft sich eine Mitarbeiterin von SOS Röszke, dass viele Menschen die benötigten Dinge nach Ungarn bringen und für ein paar Tage vor Ort bleiben.

 

Ali M. ist Mitte vergangener Woche mit anderen als freiwilliger Helfer nach Röszke gefahren, um eine Hilfslieferung zu überbringen und als Dolmetscher auszuhelfen. E schildert die schwierige Situation, als immer mehr Menschen bei Röszke ankamen. Halb ohnmächtige Kinder, Menschen mit Verletzungen, Kinder, die ihre Eltern verloren haben, schwangere Frauen, die nicht gleich medizinisch versorgt werden konnten, weil die wenigen Ärzt_innen überlastet waren. Obwohl die Situation Ali M. selbst bedrückt hat, musste er sich anstrengen, nicht in Tränen auszubrechen und versuchte, den erschöpften Menschen vor allem Mut zuzusprechen.

 

Zumindest bis Mitte vergangener Woche waren die Helfer_innen auf sich alleine gestellt. Eine Handvoll von Helfer_innen und eine kleine lokale NGO kümmerten sich bis dahin um ein winziges Versorgungszelt und ein medizinisches Zelt für Tausende von Flüchtlingen. Durch schnelle Koordination der Hilfsaktivitäten gelang es schließlich, für die Menschen in Röszke eine respektvolle Versorgung zu gewährleisten. Die lokale Hilfsorganisation MigSzol verfügte bald über ein relativ gut befülltes Spendenlager. So wird auch die gesamte Koordination erleichtert, wenn sich mit dem Auto nach Ungarn fahrende Helfer_innen direkt an MigSzol am Bahnhof von Szeged wenden, bevor sie sich dem Lager in Röszke nähern. Nach einer Aufforderung zur Hilfe nach außen engagierten sich auch kleine NGOs, die Suppenküchen einrichteten. Fahrzeugkonvois machen sich auf den Weg von Österreich und Deutschland nach Ungarn. Manche Hilfsleistungen wie die Essensverteilung und die medizinische Versorgung konnten schließlich nach ein paar Tagen an professionelle Organisationen wie Caritas und Ärzte ohne Grenzen übergeben werden. Es gibt auch Ansätze, sich vor Ort mit lokalen Behörden zu koordinieren.

 

Notwendiger Politikwechsel

 

Würden offizielle Stellen den Menschen mit dem gleichen Elan helfen, mit dem Ungarn, Österreich und Deutschland jetzt die Grenzüberwachung verschärfen, dann müsste kein Flüchtling mehr leiden. Die Helfer_innen unternehmen alles, was in ihrer Macht steht, um die Flüchtlinge zu versorgen und zu betreuen, und obwohl sie gar nicht so wenige sind, prägt Überforderung das Bild. „Wir können ein wenig helfen, weil wir uns entscheiden können, ob wir jetzt zu Hause sitzen und zuschauen, wie da unten Menschen sterben oder ob wir helfen.“ Nur alleine bewältigen können die Helfer_innen die Situation nicht.

 

Europäische Regierungen tragen die Verantwortung, den politischen Rahmen so zu gestalten, dass freie und sichere Fluchtwege geöffnet werden und eine Willkommenskultur für Flüchtlinge etabliert wird, wie sie von den Helfer_innen längst praktiziert wird. Eine dafür notwendige Maßnahme muss nicht einmal auf EU-Ebene abgestimmt werden, denn Österreich könnte mit gutem Beispiel voran gehen und die Dublin-Verordnung fallen lassen. Anstatt patriotische Gefühle zu bedienen und sich selbst als „Nation der Helfer_innen“ abzufeiern, ist es überfällig, die überall an den Bahnhöfen, bei Konvois und anderen Hilfseinrichtungen blühende Willkommenskultur der Helfer_innen zu unterstützen und Schritte zu setzen, um Flüchtlingen endlich ein Leben in Frieden und mit Respekt zu ermöglichen.

 

Als eines der reichsten Länder der Welt kann es doch nicht so schwer sein, die dafür erforderliche Infrastruktur und Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Anstatt wie in Traiskirchen die Menschen auf der Flucht in unwürdigen und von Privatfirmen miserabel verwalteten Massenquartieren unterzubringen, ist es an der Zeit für Maßnahmen, die die Lage der Flüchtlinge erleichtern. So bietet es sich an, den großen Leerstand an Wohnungen und Räumen in Städten wie Wien für Flüchtlinge zu öffnen, eine Maßnahme, die auch das Zusammenleben stärkt. Wir haben es nicht mit Angst einflößenden, anonymen „Flüchtlingsströmen“ zu tun, sondern ganz einfach mit Menschen, die unter großem Stress stehen und Schlimmes erlebt haben. Sie haben Ruhe und Entspannung verdient. Es geht jetzt darum, gemeinsam das Zusammenleben zu gestalten und vor allem auch darum, wie sich ein Aktivist von Freedom not Frontex ausdrückt, durch die Abschaffung des Dublin-Abkommens „die Leute selbst entscheiden zu lassen, wo sie hinreisen und leben wollen“.

 

veröffentlicht am 14.09.2015 auf no-racism.net und am 18.09.2015 auf Der Freitag

Macondo blüht auf, kocht auf, spielt auf

 

Eine Flüchtlingssiedlung am Stadtrand – und das «Prinzip Hoffnung»

 

Gemeinsames Gärtnern, Möbelerneuerung, Ernährungsberatung – diese Methoden der Gemeinwesenarbeit klingen nicht gerade sensationell innovativ. Aber sie haben sich bewährt und werden auch in der Simmeringer Flüchtlingssiedlung «Macondo» das Zusammenleben unterschiedlichster Menschen erleichtern können. Alexander Stoff über «Macondo blüht auf», ein Projekt der evangelischen Flüchtlingsarbeit.

Im vergangenen Jahr kamen 130 syrische Flüchtlinge nach Macondo. Eine gewaltige Herausforderung für die Leute aus der «Basis Zinnergasse», dem Gemeinwesenbüro des Flüchtlingsdienstes der Diakonie: Was tun, um den Neuankömmlingen das Willkommensein zu vermitteln und sie von Beginn an zu ermuntern, ihr Umfeld selbst zu gestalten? «Am Areal wohnen um die 2000 Leute aus den verschiedensten Ländern, und wir wollen, dass die sich kennen lernen und gut verstehen. Der Gemeinschaftsgarten bietet sich auch als sinnvolle und bereichernde Freizeit-Tätigkeit an», meint Carina Pachler von der «Basis Zinnergasse».

Ergänzt wird das Gärtnern durch eine Vielfalt von Workshops. Angedacht ist das gemeinsame Kochen zu Rezepten aus den unterschiedlichen Herkunftsländern, die am Ende des Projektes in einem Kochbuch gesammelt und veröffentlicht werden sollen (eine weitere bewährte Methode, um Menschen zusammenzubringen). Auch Ernährungsberatung soll im Rahmen von Workshops angeboten werden, um den Familien ein Werkzeug in die Hand zu geben, mit wenigen Mitteln eine gesunde Jause für ihre Kinder zusammenzustellen. An Sport-Workshops für Kickboxen und Capoeira ist ebenfalls gedacht. Schließlich sollen auch einige Müllprobleme auf dem Areal gelöst werden.

Bei «Macondo blüht auf» werden unterschiedliche Bedürfnisse der Bewohner_innen aufgegriffen. So organisiert die «Basis Zinnergasse» immer wieder Ausflüge, um die Flüchtlinge aus ihren engen vier Wänden herauszuholen. Der in Macondo aufgewachsene Carlos Rojas – seine Familie floh 1974 vor dem Pinochet-Regime in Chile – erklärt, dass die verschiedenen Fluchthintergründe die Menschen entsprechend verschieden prägen. Daher sei es gut, wenn Gemeinwesenarbeit helfen könne, gegenseitige Vorverurteilungen zu vermeiden und Ängste abzubauen. Dies ist gerade deshalb wichtig, weil viele Flüchtlinge traumatische Erfahrungen hinter sich haben. «Das Wichtigste bei Menschen, die mit Traumatisierungen kämpfen, ist, dass man ihnen eine Alltagsstruktur schafft, also dass sie einfach etwas zu tun haben und nicht daheim herumsitzen», so Carina Pachler. Es entstand auch bei den Bewohner_innen der Wunsch, auf dem Areal von Macondo selbst das Lebensumfeld mehr zu gestalten. Manche von den Bewohner_innen haben schon in ihrem Herkunftsland einen eigenen Garten kultiviert, und so lag es nahe, das gemeinsame Gärtnern in den Vordergrund zu rücken. Aber auch das gemeinsame Kochen kommt dem Bedürfnis vieler Bewohner_innen von Macondo entgegen, die besonders bei Festen gerne Gerichte zubereiten.

 

Was uns fehlt – ein Fußballplatz

 

Ein Gedanke hinter «Macondo blüht auf» ist das gegenseitige Kennenlernen von Menschen innerhalb und außerhalb Macondos. Während nämlich gar nicht so wenige Bewohner_innen das Areal selten verlassen, ist vielen Wiener_innen nicht bekannt, dass es Macondo überhaupt gibt. Hier hat vielleicht der Film «Macondo» von Sudabeh Mortezai zu einem Bewusstseinswandel beigetragen, meint Carina Pachler. Und auch das Projekt der «Basis Zinnergasse» zielt darauf ab, Grenzen zwischen den Menschen zu überwinden und durch gemeinsames Tun Beziehungen aufzubauen. Carlos Rojas konnte als langjähriger grüner Bezirksrat erreichen, dass in der Nähe von Macondo endlich eine Busstation eingerichtet wurde. Seit langem setzt er sich dafür ein, dass Macondo einen richtigen Fußballplatz bekommt – und eine Heimmannschaft, die die kukturelle Buntheit Macondos widerspiegelt. Sich am jetzigen steinigen Sportplatz, der seit 1976 unverändert besteht, n i c h t zu verletzen, ist eine Kunst.

Nicht zuletzt soll «Macondo blüht auf» das Selbstbewusstsein der Bewohner_innen stärken, denn Flüchtlinge bringen Wissen und Fähigkeiten mit, die in Österreich sehr wenig Anerkennung finden. «Macondo blüht auf» sei auch ein Signal der Wertschätzung all der Kompetenzen, die unter den Flüchtlingsfamilien zutage treten, so Carina Pachler. Carlos Rojas´ Bild von einer gelebten Nachbarschaft in der Flüchtlingssiedlung mit dem poetischen Namen ist das einer realisierbaren Utopie: «Er repariert Wagen des Nachbarn, der macht ihm dafür den Kühlschrank funktionierend. Da entsteht ein soziales Gefüge. Ich brauche ihn, er braucht mich – wir sind alle wichtig.»

Da immer wieder neue Leute zuziehen, müssen die Voraussetzungen für ein Gefühl des Willkommenseins immer neu geschaffen werden, sagt Carina Pachler. Auf lange Sicht sollen die Bewohner_innen von Macondo dabei unterstützt werden, ihre Angelegenheiten selbst in die Hände zu nehmen. Die «Macondianer_innen» müssen Bedingungen vorfinden, unter denen sie das in den Workshops erlernte Wissen weitergeben können. Nach maximal acht Jahren (die meisten Flüchtlinge leben wesentlich kürzere Zeit hier) müssen die Flüchtlinge Macondo wieder verlassen und an einem anderen Ort unterkommen. Durch ein Projekt wie «Macondo blüht auf» selbstsicherer gemacht, sollten die «Abgängigen» die Lust, ihr Umfeld aktiv mituzugestalten, auch in die kommende neue Lebenssituatiuon mitnehmen, hoffen die Flüchtlingsarbeiter_innen der «Basis Zinnergasse».

 

veröffentlicht in Augustin 392 (10.06.-23.06.2015)

Auf Reisen zwischen Ernst und hemmungslosem Hedonismus

 

Alle stressen sich und hetzen von Termin zu Termin
Ich Schmeiß` den Wecker aus dem Fenster und bleib neben mir liegen
Es ist für mich so logisch, doch die Menschen finden es seltsam
sie fliegen und wir liegen auf ’ner Decke am Elbstrand

Ich lass die Uhr ticken, ich lass den Fluss fließen
Mein Herz schlägt und ich muss es genießen

(Neonschwarz – On a Journey)

 

Am 22.1. gastierte die Hip Hop-Band Neonschwarz aus Hamburg zu ihrem mittlerweile dritten Konzert in Wien. Vor den begeisterten Fans im vollen B72 gaben Marie Curry, Johnny Mauser, Captain Gips und der DJ Spion Ypsilon diverse Nummern aus ihrem Zeckenrap-Repertoire zum Besten.

 

Neonschwarz, der Name des gleichnamigen Albums, das 2010 erschienen ist – die Band bildete sich 2012 – „drückt ganz gut unseren Platz zwischen ernsten Themen und hemmungslosem Hedonismus aus“, stellt die Band im Interview fest. Während Hip Hop für Neonschwarz die größte Rolle für ihr Schaffen spielt – „wir sind ziemlich froh, dass sich Hiphop gerade in eine Richtung entwickelt, in der Inhalte wieder eine größere Rolle spielen“ – sind die Bandmitglieder auch offen für andere Musikrichtungen. Angesprochen auf die Quelle ihrer Inspiration meinen Neonschwarz: „Captain Gips schreibt am liebsten am Elbstrand mit Kaffee und Zigarette, Marie kriegt die besten Ideen, wenn sie zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs ist aber wir haben da auch kein Geheimrezept. Manchmal kommen gute Zeilen komplett unerwartet, da ist es immer gut, Stift und Papier dabei zu haben.“

 

Die Stimmung im Publikum im B72 war gut gelaunt. Auf dem gefüllten Parkett wurde viel getanzt und gehüpft. Für Neonschwarz war das Konzert in Wien „sensationell“, sowohl die Menschen im Publikum als auch die Gruppe auf der Bühne hatten merklich viel Spaß. „Wir sind immer wieder beeindruckt, dass es in fast jeder Stadt Menschen gibt, die unsere Texte mitsingen können. Besonders schön ist für uns natürlich immer wieder, wenn wir antirassistische Songs wie z.B. „2014“ spielen und die Leute das feiern. Es ist wirklich gut zu sehen, dass wir mit unseren Fans auf einer Linie stehen.“

 

Neonschwarz thematisieren eine breite Palette von Inhalten. So bringt die Gruppe mit „Love will never die“ ihre eindrückliche Anklage gegen Homophobie vor – „Ob jetzt Frau – Frau – Mann – Mann – Frau – Trans – Händchen hält. Mensch liebt Mensch, das ist alles was zählt“. In „2014“ wird der Rassismus kritisiert, was vor dem Hintergrund der Proteste gegen Flüchtlingsheime in Deutschland und der Aufmärsche von Pegida in Dresden eine brennende Aktualität gewinnt. Neonschwarz rufen zu zivilcouragiertem und solidarischem Handeln auf: „Bitte guck nicht weg, bitte misch dich ein. Stell dich wie ne Mauer vor das Flüchtlingsheim!“ Das Konzert fand eine Woche vor dem Akademikerball rechtsextremer Burschenschaften und der FPÖ in der Hofburg statt – Neonschwarz appellierten daher von der Bühne, sich an den antifaschistischen Protestaktionen zu beteiligen, was die Menge mit „Alerta Antifascista“-Rufen beantwortete.

 

Auch wenn es an anderer Stelle heißt, dass Utopie nicht greifbar sei, so verschafft sich in den Texten von Neonschwarz doch immer wieder die Lust auf das gute und schöne Leben für alle Luft. Angelehnt an Rio Reiser und Ton Steine Scherben performen Neonschwarz mit „Unser Haus“ auch das leidenschaftliche Plädoyer für die bunte Vielfalt und die kreative Kultur der Freiräume in besetzten Häusern: „Wer keinen Platz zum Pennen hat und wer bisher noch kein Zimmer fand, kommt alle mit, verdammt, wir holen uns unser Nimmerland!“

 

Neonschwarz bringen ihre lebensfrohe Philosophie in Songs wie „Hinter Palmen“ und „On a Journey“ zum Ausdruck: Lass dich nicht unterkriegen und genieße dein Leben in vollen Zügen – „Ich bleib dabei: Die Welt ist kacke, doch das Leben ist schön“, so die Botschaft der Gruppe in „Heben ab“. Und höre niemals auf, nach deinen Träumen zu greifen, auch wenn dir manchmal Steine in den Weg gelegt werden: „Gestern war vielleicht der Pleitegeier am Start. Und morgen Strand, 30 Grad und Papayasalat. … Rio sagt, uns trennt nur die Angst von dem besten Leben. Schmeiß dich mitten rein, saug es auf, was kann es bessres geben.“

 

(unveröffentlicht, 2015)